ADHS und Video-Spiele? Ja, aber bitte richtig!

Lesedauer: ca. 6 Minuten |  

Warum Kinder mit ADHS von Games angezogen werden – und was Eltern wissen sollten

Wenn dein Kind mit ADHS vor dem Bildschirm sitzt und spielt, kennst du wahrscheinlich dieses Gefühl: eine Mischung aus Erleichterung (Endlich mal Ruhe!) und Sorge (Ist das wirklich gut für mein Kind?). Die Debatte um Video-Spiele bei Kindern mit ADHS ist allgegenwärtig und – widersprüchlich.

Die gute Nachricht: Aktuelle Forschung zeigt, dass Video-Spiele weder Teufelszeug noch Wundermittel sind.

Das ADHS-Gehirn und Video-Spiele: Eine besondere Beziehung

Bevor wir über Vor- und Nachteile sprechen, müssen wir verstehen, warum Kinder mit ADHS so stark von Video-Spielen angezogen werden. Die Antwort liegt in der Neurobiologie.

Das ADHS-Gehirn hat ein fundamentales Problem mit dem Dopamin-System. Dopamin ist der Neurotransmitter, der uns motiviert, bei der Sache zu bleiben und Belohnungen als wertvoll zu empfinden. Bei ADHS ist dieses System chronisch unterversorgt. Das erklärt, warum dein Kind bei Hausaufgaben nach fünf Minuten aufgibt, aber drei Stunden am Stück Minecraft spielen kann.

Video-Spiele sind geradezu perfekt auf das ADHS-Gehirn zugeschnitten: Sie liefern sofortiges Feedback, konstante kleine Belohnungen und eine klare Zielstruktur. Wie die Game-Forscherin Jane McGonigal beschreibt, erzeugen Spiele einen Dopamin-Ausstoß, der dem von intravenös verabreichten Amphetaminen entspricht – ein Befund, der zunächst alarmierend klingt, aber auch erklärt, warum Spiele für das ADHS-Gehirn so unwiderstehlich sind.

Der ADHS-Experte Russell Barkley bringt es auf den Punkt: „Kein Wunder, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS Video-Spiele, besonders kompetitives Online-Gaming, so fesselnd finden. Diese Spiele haben alles was einer Hausarbeit oder einem Wochenend-Auftrag fehlt.“

Die Schattenseiten: Echte Risiken, die du kennen solltest

Die aktuelle Forschung zu neurosoziologischen Perspektiven auf Video-Spiele identifiziert mehrere konkrete Risikobereiche:

Erhöhtes Suchtrisiko

Kinder und Jugendliche mit ADHS haben ein signifikant erhöhtes Risiko für problematische Internetnutzung oder Gaming-Sucht. Das liegt nicht daran, dass sie „schwächere Willenskraft“ hätten – sondern daran, dass ihr Gehirn die sofortige Belohnung durch Spiele besonders stark braucht und sucht. Besonders die Impulsivität, ein Kernsymptom von ADHS, erhöht dieses Risiko zusätzlich.

Die kritische Schwelle

McGonigal identifiziert in ihrer Forschung einen wichtigen Kipppunkt: Bei Erwachsenen beginnen ab 21 Stunden Spielzeit pro Woche – also durchschnittlich drei Stunden täglich – die negativen Effekte die positiven zu überwiegen. Ab dieser Schwelle leiden Leistungen, körperliche Aktivität und soziale Beziehungen messbar. Unterhalb dieser Schwelle weisen Studien jedoch auf positive Effekte hin. Bei Kindern, insbesondere jüngeren Kindern, sollte die Spielzeit deutlich unter 21 Stunden liegen. Wichtig ist, dass Kinder genug Zeit für Erfahrungen in der realen Welt haben. Sport, soziale Kontakte, Hausaufgaben, Ruhepausen und ausreichend Schlaf gehen vor. Ist dann noch ausreichend Zeit, spricht nichts gegen zusätzliche Videospielzeit.

Escape-Gaming vs. Growth-Gaming

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Forschung: Der Grund, warum jemand spielt, bestimmt maßgeblich die Auswirkungen. Menschen, die Video-Spiele spielen, um vor Problemen zu fliehen (Escape-Gaming), haben häufiger Depressionen, sind häufiger sozial isoliert und erbringen schlechtere Leistungen in Schule, Ausbildung oder auf der Arbeit. Menschen, die spielen, um sich zu verbessern, Herausforderungen zu meistern oder soziale Kontakte zu pflegen (Growth-Gaming), profitieren.

Gewalthaltige Inhalte

Bei Kindern mit ADHS ist besondere Vorsicht bei gewalthaltigen Spielen geboten. Barkley betont: „Da Kinder und Jugendliche mit ADHS im realen Leben deutlich häufiger aggressiv reagieren, besonders wenn sie emotional provoziert und frustriert sind, müssen Sie als Eltern den Zugang zu solchen Spielen stärker einschränken als andere Eltern.“

Die Sonnenseiten: Wann Spiele helfen können

Unter den richtigen Bedingungen können Video-Spiele tatsächlich positive Effekte haben – und das ist wissenschaftlich gut belegt.

Flow-Zustand und Emotionsregulation

Der „Flow“-Zustand ist ein Zustand vollständiger kognitiver Absorption. Studien zeigen, dass Video-Spiele zuverlässiger und schneller Flow erzeugen als fast jede andere Aktivität. Im Flow-Zustand ist das Gehirn zu beschäftigt, um sich Sorgen zu machen – Angst und Grübeln werden effektiv blockiert. Für Kinder mit ADHS, die oft mit komorbider Angst kämpfen, kann gezieltes Spielen eine legitime Strategie zur Emotionsregulation sein.

Selbstwirksamkeit und Motivation

Jedes Mal, wenn dein Kind ein Level schafft, einen Gegner besiegt oder eine neue Fähigkeit meistert, erlebt es Selbstwirksamkeit – das Gefühl, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Für Kinder mit ADHS, die im Alltag oft Misserfolge erleben, kann das Gold wert sein. Die Forschung zeigt, dass hohe Dopamin-Spiegel nicht nur Motivation steigern, sondern auch zu schnellerem Lernen und besserer Aufmerksamkeit führen.

Soziale Verbindung

Die Forschung zeigt: Gemeinsames Spielen (Co-Playing) verbessert nachweislich Familienbeziehungen. Kooperative Spiele fördern Empathie und prosoziales Verhalten. Online-Gaming kann für Kinder mit ADHS eine Brücke zu sozialen Kontakten sein, die ihnen im realen Leben schwerfallen – die Struktur des Spiels gibt klare Regeln für Interaktion vor.

Die entscheidende Frage: Wie setzt man den richtigen Rahmen?

Das größte Problem bei Video-Spielen ist nicht das Spielen selbst – ein Problem besteht dann, wenn das Spielen andere wichtige Lebensbereiche verdrängt. Körperliche Bewegung, soziale Kontakte im realen Leben, Schlaf, schulische Pflichten: All das braucht seinen Platz.

Eltern müssen bei Kindern und Jugendlichen außerdem auf eine eine gute Balance zwischen digitalem und physischem Spiel achten, um eine gesunde physische und psychische Entwicklung zu ermöglichen.

Video-Spiele können ein wertvoller Teil des Lebens Deines Kindes sein. Als Elternteil liegt es an Dir, den Rahmen zu setzen, in dem Spiele ihre positiven Effekte entfalten können.

Die gute Nachricht: Es gibt bewährte Strategien, wie du Spielzeit sinnvoll begrenzen, die richtigen Spiele auswählen und Gaming sogar als Motivationswerkzeug nutzen kannst. Diese konkreten Methoden vermittle ich in meinen Coachings und Online-Kursen – abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse Deiner Familie.

Fazit: Ja, aber richtig

Video-Spiele sind für Kinder mit ADHS weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Sie sind besonders anziehend für das ADHS-Gehirn – und genau deshalb erfordern sie besonders aufmerksame Begleitung.

Die Forschung ist klar: Unter den richtigen Bedingungen können Video-Spiele Selbstwirksamkeit stärken, soziale Verbindungen fördern und Emotionsregulation unterstützen. Unter falschen Bedingungen können sie zu Sucht, Isolation und Problemen führen.

Du möchtest konkrete Strategien für den Umgang mit Bildschirmzeit in deiner Familie? In meinen Coachings und Online-Kursen zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du einen gesunden Rahmen für Gaming setzt – wissenschaftlich fundiert und alltagstauglich.

Quellen

    • Coelho, F. & Abreu, A. M. (2025). Neurosociological perspectives on video games: A narrative review. Human Technology, 21(3). https://doi.org/10.14254/1795-6889.2025.21-3.1

    • Barkley, R. A. (2022). Treating ADHD in Children and Adolescents. Guilford Press.

    • Barkley, R. A. (2020). 12 Principles for Raising a Child with ADHD. Guilford Press.

    • McGonigal, J. (2015). SuperBetter. Penguin.

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