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Dein Kind liegt abends ewig wach, obwohl es längst eingeschlafen sein sollte. Morgens bekommst du es kaum wach, in der Schule fehlt die Konzentration, und nachmittags ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Du kennst das? Wenn dein Kind ADHS hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Schlafprobleme ein ständiger Begleiter sind – und zwar nicht als Nebensache, sondern als ein Faktor, der die ADHS-Symptome erheblich verstärken kann.
Schlafprobleme bei Kindern mit ADHS: Viel häufiger als gedacht
Schlafstörungen sind bei ADHS keine Ausnahme, sondern fast die Regel. Studien zeigen, dass über 80 Prozent der Menschen mit ADHS unter erheblichen Schlafproblemen leiden – von Einschlafstörungen über unruhige Nächte bis hin zu chronischem Schlafmangel. Kinder mit ADHS neigen dazu, später einzuschlafen und morgens schwerer in Gang zu kommen als Gleichaltrige. Forscher sprechen von einem verschobenen zirkadianen Rhythmus: Die innere Uhr dieser Kinder läuft gewissermaßen nach.
Und das Problem reicht weiter, als viele Eltern ahnen. Über 70 Prozent der Eltern glauben, ihr Kind bekomme genug Schlaf. In Wirklichkeit erreichen weniger als 25 Prozent der Kinder zwischen elf und achtzehn Jahren die empfohlene Schlafdauer. Bei Kindern mit ADHS verschärft sich dieses Missverhältnis noch einmal deutlich.
Die innere Uhr: Warum das Gehirn deines Kindes anders tickt
Unser Körper folgt einem inneren 24-Stunden-Takt, dem sogenannten zirkadianen Rhythmus. Dieser wird maßgeblich durch Licht gesteuert – über spezialisierte Zellen in der Netzhaut, die Lichtinformationen an die biologische Hauptuhr im Gehirn weiterleiten, den suprachiasmatischen Nukleus. Diese winzige Struktur steuert nicht nur, wann wir müde werden, sondern beeinflusst auch Hormonspiegel, Körpertemperatur, Konzentrationsfähigkeit und Stimmung.
Bei vielen Kindern mit ADHS ist diese innere Uhr nach hinten verschoben. Die Forschung zeigt genetische Überschneidungen: Einige Gene, die mit einer Neigung zum Abendtyp in Verbindung stehen, überschneiden sich mit Genen, die bei ADHS eine Rolle spielen. Das bedeutet: Wenn dein Kind abends einfach nicht müde wird, ist das oft keine Trotzreaktion und keine schlechte Angewohnheit – es hat eine biologische Grundlage.
Pubertät: Wenn die innere Uhr noch weiter vorprescht
In der Pubertät verschärft sich die Situation. Der zirkadiane Rhythmus von Jugendlichen verschiebt sich biologisch bedingt noch weiter nach vorne – sie werden abends später müde und brauchen morgens länger. Das betrifft alle Teenager, aber bei Jugendlichen mit ADHS potenziert sich der Effekt.
Um das greifbar zu machen: Wenn ein Teenager um 5:30 Uhr aufstehen muss, um den Schulbus zu erwischen, entspricht das für sein Gehirn ungefähr dem, was ein Erwachsener empfinden würde, wenn der Wecker um 3:15 Uhr klingelt. Jeden Tag. Über Jahre hinweg. Dass unter diesen Bedingungen Konzentration, Stimmung und Lernfähigkeit leiden, ist keine Frage mangelnder Disziplin – es ist Biologie.
Schulen, die ihre Anfangszeiten nach hinten verschoben haben, berichten von bemerkenswerten Ergebnissen: In einem US-Schulbezirk, der den Unterrichtsbeginn von 7:35 auf 8:55 Uhr verlegte, sanken die Verkehrsunfälle bei 16- bis 18-Jährigen um 70 Prozent.
Wenn Schlafmangel wie ADHS aussieht
Besonders wichtig für Eltern ist eine Erkenntnis, die der Schlafforscher Matthew Walker eindrücklich beschreibt: Die Symptome von chronischem Schlafmangel bei Kindern sind nahezu identisch mit den Kernsymptomen von ADHS – Unaufmerksamkeit, Impulsivität, emotionale Dysregulation, Lernschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen.
Walker schätzt, dass mehr als 50 Prozent aller Kinder mit einer ADHS-Diagnose tatsächlich eine unerkannte Schlafstörung haben könnten. Ein konkretes Beispiel: Kinder mit obstruktiver Schlafapnoe – oft verursacht durch vergrößerte Mandeln oder Polypen – zeigen häufig das volle Bild einer ADHS. Werden die Mandeln entfernt und der Schlaf normalisiert sich, verschwinden bei vielen dieser Kinder auch die ADHS-ähnlichen Symptome.
Das heißt nicht, dass ADHS nicht real ist. Aber es bedeutet, dass Schlafprobleme als mögliche Ursache oder Verstärkung der Symptome systematisch abgeklärt werden sollten – bevor oder zumindest parallel dazu, dass medikamentöse Behandlungen begonnen werden.
Bildschirme, blaues Licht und der Teufelskreis
Ein Aspekt, der Eltern besonders betrifft: Bildschirmzeit am Abend. Matthew Walker beschreibt, wie bereits schwaches Umgebungslicht – selbst eine dezente Nachttischlampe – die Melatoninausschüttung messbar unterdrückt. Blaues LED-Licht von Smartphones und Tablets hat dabei den doppelten Effekt herkömmlicher Beleuchtung.
Für Kinder mit ADHS entsteht hier ein besonders tückischer Kreislauf: Sie sind ohnehin Spätschläfer, und Bildschirme am Abend – die gerade bei ADHS eine starke Sogwirkung haben – verschieben ihren Rhythmus noch weiter nach hinten. Forschende weisen darauf hin, dass eine späte Bildschirmnutzung den ohnehin verzögerten Rhythmus zusätzlich verschlechtert.
Licht als Chance: Was die Forschung zeigt
Lichttherapie – also die gezielte Exposition mit hellem Licht am Morgen – ist eine der vielversprechendsten Ansätze, um den verschobenen Schlafrhythmus bei ADHS zu korrigieren. Bereits in den 1980er-Jahren als Behandlung für Winterdepressionen entwickelt, zeigt sie auch bei ADHS-Symptomen Wirkung.
Zwei Studien haben das gezielt untersucht: Eine offene Studie von Rybak et al. (2006) mit 29 Erwachsenen und eine kontrollierte Pilotstudie von Fargason et al. (2017) mit 16 Erwachsenen kamen zum selben Ergebnis – der stärkste Prädiktor für die Verbesserung der ADHS-Symptome war nicht die Linderung einer etwaigen Depression, sondern das Ausmaß, in dem die morgendliche Lichttherapie den zirkadianen Rhythmus nach vorne verschob.
Auch bei Kindern gibt es ermutigende Daten: Eine randomisierte Studie mit 244 Kindern mit ADHS zeigte, dass eine gezielte Schlafintervention – bestehend aus Beratungsgesprächen und praktischen Schlafstrategien – nach sechs Monaten nicht nur den Schlaf, sondern auch die Schwere der ADHS-Symptome, das Verhalten und die Lebensqualität signifikant verbesserte. Ergänzend zeigen Studien zu speziellen Schlafinterventionen, dass die ADHS-Symptome bei Erwachsenen mit verschobenem Schlafrhythmus um etwa 14 Prozent reduziert werden konnten.
Der Winter-Faktor
Passend dazu zeigen Untersuchungen, dass ADHS-Symptome – auch bei Kindern – im Winter stärker ausgeprägt sein können als im Sommer. Weniger Tageslicht stört den ohnehin verschobenen zirkadianen Rhythmus zusätzlich und kann sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Stimmung weiter beeinträchtigen. In einer niederländischen Studie berichteten 27 Prozent der ADHS-Betroffenen von einer Winterdepression, verglichen mit nur 3 Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Frauen und Mädchen sind dabei viermal häufiger betroffen als männliche Betroffene.
Was kannst du als Elternteil tun?
Die gute Nachricht: Es gibt Stellschrauben, die vergleichsweise einfach und risikoarm sind. Dr. John Kruse, Psychiater und Neurowissenschaftler mit über 25 Jahren Erfahrung in der ADHS-Behandlung, fasst es so zusammen: Angesichts der umfangreichen Datenlage und des geringen Risikoprofils sollte die Verbindung von Schlaf und ADHS viel mehr Beachtung finden.
Die wichtigsten Ansatzpunkte im Überblick: Schlafhygiene, der bewusste Umgang mit Licht (morgens wie abends), die Regulierung von Bildschirmzeiten und Abendrituale. Doch was in der Theorie einfach klingt, ist im Familienalltag mit einem ADHS-Kind oft alles andere als trivial. Jedes Kind ist anders, und was funktioniert, muss individuell herausgefunden und konsequent umgesetzt werden.
Fazit
ADHS und Schlaf hängen bei Kindern noch enger zusammen, als viele Eltern ahnen. Die verschobene innere Uhr ist kein Erziehungsproblem und kein Zeichen von Faulheit – sie hat eine biologische Grundlage, die durch Pubertät, Bildschirmzeit und Lichtmangel im Winter verstärkt wird. Die ermutigende Nachricht: Wer den Schlaf seines Kindes gezielt verbessert, kann damit auch die ADHS-Symptome spürbar mildern. Es lohnt sich, hinzuschauen.
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Quellen:
- Rybak, Y.E. et al. (2006): An Open Trial of Light Therapy in Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Journal of Clinical Psychiatry, 67(10), 1527–1535.
- Fargason, R.E. et al. (2017): Correcting Delayed Circadian Phase with Bright Light Therapy Predicts Improvement in ADHD Symptoms: A Pilot Study. Journal of Psychiatric Research, 91, 105–110.
- Walker, M. (2017): Why We Sleep: Unlocking the Power of Sleep and Dreams. Scribner.
- Wynchank, D.S. et al. (2016): ADHD, Circadian Rhythms and Seasonality. Journal of Psychiatric Research, 81, 87–94.
- Hiscock, H. et al. (2015): Impact of a Behavioural Sleep Intervention on Symptoms and Sleep in Children with ADHD. BMJ, 350.
- Van der Heijden, K.B. et al. (2007): Effect of Melatonin on Sleep, Behavior, and Cognition in ADHD and Chronic Sleep-Onset Insomnia. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 46(2), 233–241.
- Dr. John Kruse: YouTube-Video „Bright Light Therapy for ADHD“
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei Schlafproblemen oder Verdacht auf ADHS wende dich bitte an eine Fachperson.


