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Du kennst das Gefühl: Nach einem anstrengenden Tag mit deinem Kind bist du erschöpft, frustriert – und fragst dich vielleicht sogar, ob du als Elternteil versagst. Gerade bei Kindern mit ADHS kann sich Erziehung wie ein ständiger Kampf anfühlen. Doch die Forschung zeigt uns einen anderen Weg – einen, der auf zwei tragenden Säulen ruht: echte Bindung und liebevolle, konsequente Führung.
Bindung und Führung – warum beides zusammengehört
Viele Eltern schwanken zwischen zwei Extremen: Entweder sie versuchen, jedes Detail im Leben ihres Kindes zu kontrollieren und zu optimieren, oder sie geben frustriert auf und lassen einfach laufen. Beides funktioniert nicht – vor allem nicht bei Kindern mit ADHS.
Der amerikanische ADHS-Experte Russell Barkley hat es treffend auf den Punkt gebracht: Eltern sollten wie Hirten sein, nicht wie Ingenieure. Ein Hirte versucht nicht, seine Schafe umzugestalten. Er führt sie, beschützt sie und sorgt für gute Weidegründe – aber er akzeptiert sie so, wie sie sind.
Die Kraft der achtsamen Präsenz
Bindung entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch kleine, echte Momente der Aufmerksamkeit. Das Problem ist: Im hektischen Alltag sind wir zwar physisch bei unseren Kindern anwesend, aber mental oft meilenweit entfernt. Wir checken Mails, denken an die Arbeit oder grübeln über die letzte Konfliktsituation nach.
Kinder mit ADHS spüren das sofort. Ihre Beziehung zu uns ist ohnehin schon belastet durch die vielen täglichen Konflikte, die Ermahnungen, die Enttäuschungen. Wenn wir dann auch noch in den ruhigen Momenten abwesend sind, verpasst jeder die Chance auf Verbindung.
Die Lösung heißt achtsame Elternschaft – und sie ist einfacher, als du denkst:
Nimm dir jeden Tag bewusst Zeit, in der du wirklich bei deinem Kind bist. Nicht um es zu erziehen oder zu korrigieren, sondern einfach um da zu sein. Beobachte, was es tut. Zeige echtes Interesse. Kommentiere positiv, was dir auffällt.
Diese Momente bauen das emotionale Konto auf, von dem ihr in schwierigen Zeiten gemeinsam zehren könnt.
Fünf Mini-Momente für mehr Bindung im Alltag
Du denkst vielleicht: „Das klingt alles schön, aber wann soll ich das im stressigen Alltag unterbringen?“ Die gute Nachricht: Echte Bindungsmomente brauchen keine Stunden – manchmal reichen Sekunden.
Die Spieleforscherin Jane McGonigal hat wissenschaftlich untersucht, welche kleinen Handlungen die größte Wirkung auf unsere Beziehungen haben. Hier sind fünf Mikro-Momente, die du sofort umsetzen kannst:
Sechs Sekunden Berührung. Studien zeigen, dass bereits sechs Sekunden Händchenhalten oder eine längere Umarmung ausreichen, um bei beiden Personen den Oxytocin-Spiegel zu erhöhen – das sogenannte „Bindungshormon“. Es macht euch hilfsbereiter füreinander und vertieft das Vertrauen. Sechs Sekunden klingen nach wenig, sind aber länger, als die meisten flüchtigen Berührungen im Alltag dauern. Zähle beim nächsten Mal innerlich mit.
Gemeinsam im Gleichtakt. Wenn ihr eure Bewegungen synchronisiert, passiert etwas Besonderes: Eure Herzfrequenzen und Atemrhythmen gleichen sich an, Spiegelneuronen werden aktiviert. Das funktioniert beim gemeinsamen Spazierengehen im gleichen Schritttempo, beim Schaukeln nebeneinander, beim Klatschen zur Musik oder sogar beim gemeinsamen Tragen eines schweren Gegenstands. Schon 90 Sekunden synchronisierte Bewegung stärken die Verbindung messbar.
Kooperative Spiele spielen. Hier kommt eine Überraschung für alle, die Spielzeit als „verlorene Zeit“ betrachten: Gemeinsames kooperatives Spielen – also Spiele, bei denen ihr zusammenarbeitet statt gegeneinander anzutreten – hebt die Stimmung länger an und stärkt Beziehungen mehr als fast jede andere gemeinsame Aktivität. Ob Brettspiele, bei denen ihr als Team gegen das Spiel antretet, oder Videospiele im Koop-Modus: Drei von vier Menschen bevorzugen dieses Miteinander gegenüber dem Gegeneinander. Und das Beste: Es macht Kinder auch im echten Leben hilfsbereiter und teamfähiger.
Dankbarkeit aussprechen. Nicht nur fühlen, sondern sagen! Erkläre deinem Kind konkret, wofür du dankbar bist: „Danke, dass du mir beim Tischdecken geholfen hast. Ich weiß, dass du lieber weitergespielt hättest.“ Benenne den Nutzen, würdige die Anstrengung, erkenne die Stärke dahinter. Das ist einer der zuverlässigsten Wege, um Nähe zu schaffen.
Erfolge gemeinsam feiern. Wenn dein Kind dir etwas Positives erzählt – eine gute Note, ein gelungenes Tor, ein nettes Erlebnis – reagiere nicht mit einem knappen „Super!“. Zeige echte Begeisterung, stelle Fragen, lass dir Details erzählen, erlebe den Moment noch einmal gemeinsam. Diese Art des aktiven Zuhörens ist laut Forschung die wichtigste Fähigkeit für starke Beziehungen überhaupt.
Das Schöne an diesen Mini-Momenten: Sie passen in jeden noch so vollen Tag. Morgens eine lange Umarmung vor der Schule. Nachmittags zehn Minuten ein kooperatives Spiel. Abends beim Spaziergang im Gleichtakt gehen. Es sind diese kleinen, bewussten Augenblicke, die sich zu einer tragfähigen Bindung summieren.
Warum Bindung allein nicht ausreicht – die Rolle von Führung
Eine gute Bindung ist die Grundlage für eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung. Aber gerade bei Kindern mit ADHS ist eine gute Bindung allein nicht ausreichend für ein harmonisches Familienleben. Entgegen vieler gut gemeinter Ratschläge in sozialen Medien reicht es leider nicht aus, einfach nur die Bindung zu unseren Kindern zu verbessern, um Alltagskonflikte zu reduzieren. Genauso wichtig wie eine gute Bindung ist eine liebevolle und konsequente Führung. Der Grund hierfür liegt in den neurobiologisch bedingten Abweichungen im ADHS-Gehirn: Dein Kind mit ADHS ist in seiner Selbstregulation etwa 30 Prozent jünger als sein tatsächliches Alter. Ein zehnjähriges Kind mit ADHS verhält sich in puncto Selbstkontrolle also eher wie ein Siebenjähriges. Nicht, weil es nicht will – sondern weil es nicht kann. Selbst mit einer sehr guten Bindung wird dein Kind also die Erwartungen, die im Alltag an es gestellt werden, nicht erfüllen können. Auch nicht, wenn es es eigentlich kooperieren will. Es braucht Unterstützung und Anleitung, um Selbstkontrolle zu lernen. Und diese Unterstützung bietest du deinem Kind, indem du es liebevoll führst.
Folgende Methoden sind besonders wirkungsvoll bei Kindern mit ADHS:
Klare, einfache Strukturen schaffen, auf die sich dein Kind verlassen kann. Konsistente Tagesabläufe geben Sicherheit und entlasten das ohnehin überforderte Arbeitsgedächtnis. Vom Morgenritual bis zur Abendroutine – Vorhersehbarkeit ist der Schlüssel für ein Kind mit ADHS.
Weniger reden, mehr handeln. Kinder mit ADHS werden täglich mit hunderten Anweisungen bombardiert. Statt immer wieder dieselben Ermahnungen zu wiederholen, setze auf nonverbale Signale, Berührungen und kurze, klare Ansagen. Eine Hand auf der Schulter wirkt oft besser als viele Worte.
Klare Grenzen setzen – und sie konsequent einhalten. Gerade weil dein Kind Schwierigkeiten mit der Selbstregulation hat, braucht es klare Leitplanken von außen. Ein Kind mit ADHS muss Grenzen mit Hilfe seiner Eltern lernen, weil es sie nicht aus sich selbst heraus entwickeln kann.
Das Geheimnis erfolgreicher Führung
Die erfolgreichsten Eltern von Kindern mit ADHS haben eines verstanden: Führung funktioniert nur auf dem Fundament einer guten Beziehung.
Wenn dein Kind spürt, dass du es so akzeptierst, wie es ist, wird es dir eher folgen. Wenn es weiß, dass du nicht gegen es, sondern für es kämpfst, öffnet es sich für deine Anleitung. Wenn es erlebt, dass du seine Stärken siehst – nicht nur seine Defizite – wächst sein Selbstvertrauen.
Das bedeutet konkret: Achte darauf, dass positive Interaktionen deutlich überwiegen. Feiere kleine Erfolge. Zeige Wertschätzung für Anstrengung, nicht nur für Ergebnisse. Und wenn mal wieder alles schiefgelaufen ist – vergib deinem Kind und vergib dir selbst.
Dein nächster Schritt
Bindung und Führung sind keine Techniken, die du einmal lernst und dann beherrschst. Sie sind eine tägliche Praxis, die sich mit der Zeit verfeinert. Beginne mit einer kleinen Veränderung: Nimm dir vor, einen echten Moment der Verbindung mit deinem Kind zu schaffen – Du wirst überrascht sein, wie viel das verändern kann.
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Quellen
Barkley, R. A. (2021). 12 Principles for Raising a Child with ADHD. New York: The Guilford Press.
Barkley, R. A. (2022). Treating ADHD in Children and Adolescents: What Every Clinician Needs to Know. New York: The Guilford Press.
Hallowell, E. M. & Ratey, J. J. (2021). ADHD 2.0: New Science and Essential Strategies for Thriving with Distraction – From Childhood Through Adulthood. New York: Ballantine Books.
McGonigal, J. (2011). Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World. New York: Penguin Press.
McGonigal, J. (2015). SuperBetter: A Revolutionary Approach to Getting Stronger, Happier, Braver and More Resilient – Powered by the Science of Games. New York: Penguin Press.


