Level Up! Wie Gamification den Familienalltag mit ADHS transformiert 

Level Up! Wie Gamification den Familienalltag mit ADHS transformiert

Lesedauer: ca. 6 Minuten |

Es war ein ganz normaler Morgen. Mein Kind sollte sich anziehen, Zähne putzen und die Tasche packen. Drei simple Aufgaben – und doch fühlte es sich an wie der Versuch, einen Hühnerhaufen durch ein Labyrinth zu dirigieren. Nach dem dritten „Jetzt aber wirklich!“, dem fünften Seufzer und einer handfesten Diskussion darüber, dass man nicht zwei Unterhosen übereinander tragen muss, dachte ich Es muss doch einen besseren Weg geben.

Diesen Weg habe ich gefunden – und er hat nicht nur unseren Familienalltag verändert, sondern auch die Art, wie ich als Coach mit Familien arbeite. Er heißt Gamification.

Gamification bezeichnet die Anwendung von Spielelementen und Spieldesign-Prinzipien in spielfremden Kontexten – also in Situationen, die ursprünglich nicht als Spiel konzipiert sind.

Da ich eine Kombination aus Psychologie und Informatik studiert und meine Masterarbeit über Gamification geschrieben habe, beschäftigte ich mich vor über 15 Jahren zum ersten Mal mit dem Thema Gamification. Aber erst als Mutter in einer Familie, die mehrfach von ADHS betroffen ist, habe ich wirklich verstanden, warum spielerische Ansätze so wirkungsvoll sind – und warum sie für Kinder mit ADHS nicht nur „nett“, sondern oft essenziell sind.

Warum klassische Erziehungsstrategien bei ADHS oft scheitern

Um zu verstehen, warum Gamification bei Kindern mit ADHS so gut funktioniert, müssen wir zunächst einen Blick auf das ADHS-Gehirn werfen. Dr. Russell Barkley, einer der weltweit führenden ADHS-Forscher, beschreibt ADHS nicht primär als Aufmerksamkeitsstörung, sondern als Störung der exekutiven Funktionen – also jener Gehirnfunktionen, die für Selbstregulation, Motivation und zielgerichtetes Handeln verantwortlich sind.

Das Problem ist dabei nicht, dass Kinder mit ADHS nicht wissen, was sie tun sollen. Sie haben ein Problem mit dem Tunselbst – genauer gesagt mit dem Timing und der Ausführung von Handlungen.

Die Forschung zeigt: Die Belohnungsnetzwerke im Gehirn von Menschen mit ADHS sind kleiner, weniger sensitiv und arbeiten unregelmäßiger. Das hat weitreichende Konsequenzen. Gewöhnliche Motivatoren wie gute Noten, Lob oder die Aussicht auf ein Ergebnis „irgendwann“ sind für das ADHS-Gehirn schlicht zu schwach. Hinzu kommt das Problem mit der Zeit: Je länger eine Belohnung auf sich warten lässt, desto mehr verliert sie an Wert – und dieser Effekt ist bei ADHS dramatisch verstärkt.

„Kinder mit ADHS können bei Aufgaben, die keine unmittelbare Belohnung, Unterhaltung oder keinen intrinsischen Reiz bieten, nicht ausdauernd bleiben.“ – Dr. Russell Barkley

Das erklärt, warum viele klassische Erziehungsstrategien ins Leere laufen. „Wenn du dein Zimmer aufräumst, bekommst du am Wochenende ein Eis“ – eine Belohnung, die für ein neurotypisches Kind motivierend sein kann, ist für ein Kind mit ADHS oft so abstrakt und weit entfernt, dass sie kaum Wirkung zeigt.

Die Magie der Spiele: Warum Videospiele so fesselnd sind

Hast Du dich jemals gefragt, warum Dein Kind stundenlang Videospiele spielen kann, aber keine fünf Minuten bei den Hausaufgaben bleibt? Die Antwort liegt in der Gehirnchemie.

Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Videospiele einen massiven Anstieg von Dopamin im Gehirn auslösen – vergleichbar mit dem Effekt von intravenös verabreichten Amphetaminen. Das klingt zunächst alarmierend, ist aber tatsächlich der Schlüssel zum Verständnis, warum spielerische Ansätze so wirkungsvoll sein können.

Dopamin ist nicht nur ein „Glückshormon“. Es ist vor allem ein Motivationshormon. Hohe Dopaminlevel führen dazu, dass wir weniger über den erforderlichen Aufwand nachdenken und uns Erfolg leichter vorstellen können. Wir bleiben fokussierter, lernen schneller und geben bei Rückschlägen nicht so leicht auf.

Die Spieleforscherin Dr. Jane McGonigal hat in ihrer Arbeit gezeigt, dass Spiele genau die Eigenschaften haben, die das ADHS-Gehirn braucht: klare Ziele, sofortiges Feedback, stetig wachsende Herausforderungen und – ganz wichtig – unmittelbare Belohnungen. Jeder Punktestand, jedes Level-Up, jeder erreichte Meilenstein ist ein kleiner Dopamin-Schub, der zum Weitermachen motiviert.

Gamification: Die Brücke zwischen Spiel und Alltag

Gamification bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder vor dem Bildschirm parken. Es bedeutet, dass wir die Prinzipiennutzen, die Spiele so wirksam machen, und sie auf alltägliche Situationen anwenden. Dr. Barkley empfiehlt, externe Belohnungen als „Prothese“ zu betrachten – ähnlich wie Brillen für Sehbehinderte oder Rollstuhlrampen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Sie sind keine Bestechung, sondern eine notwendige Unterstützung, um ein Defizit auszugleichen.

„Denken Sie an externe Belohnungen als das Äquivalent von Rampen, Hörgeräten oder Brillen für Kinder mit ADHS – eine notwendige Prothese, um eine Beeinträchtigung zu überwinden.“ – Dr. Russell Barkley

Die Kernprinzipien erfolgreicher Gamification für Kinder mit ADHS sind: Unmittelbares Feedback, häufige kleine Belohnungen, klare und sichtbare Fortschritte, spielerische Herausforderungen und die Möglichkeit, sich selbst als kompetent zu erleben.

Was Du beachten solltest

Gamification ist kein Allheilmittel und kein Ersatz für professionelle Unterstützung. Aber richtig eingesetzt, kann sie den Familienalltag erheblich entspannen.

Nicht übertreiben: Nicht jede Handlung braucht eine Belohnung. Behalte das System für die wirklich schwierigen Bereiche vor. Wenn Dein Kind etwas gerne tut, braucht es dafür keine zusätzlichen Anreize.

Individuelle Vorlieben berücksichtigen: Ein Spielmechanismus, der für ein Kind funktioniert, funktioniert nicht unbedingt für ein anderes.

Betrachte Belohnungen als Unterstützung: Externe Belohnungen sind keine „Bestechung“ und keine Schwäche. Sie sind eine Brücke, die Deinem Kind hilft, bis seine eigenen Selbstregulationsfähigkeiten stärker werden.

Von der Theorie zur Praxis: Mein persönliches Fazit

In unserer Familie hat Gamification zu mehr Harmonie geführt als jede noch so gut gemeinte Erinnerung. Die morgendlichen Kämpfe wurden durch eine gamifizierte Routine ersetzt. Die Hausaufgaben-Zeit hat sich von einem Kriegsschauplatz in einen (meistens) erträglichen Abschnitt des Tages verwandelt. Und was mich am meisten freut: Unsere Kinder erleben sich öfter als kompetent und erfolgreich – und das ist für Kinder mit ADHS, die so oft das Gefühl haben, „nicht richtig“ zu sein, unbezahlbar. Weniger Konflikte wirken sich außerdem positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung aus und alle Beteiligten sind weniger gestresst.

Die Wissenschaft gibt uns das Werkzeug. Die Liebe zu unseren Kindern gibt uns den Antrieb, es anzuwenden. Und manchmal braucht es nur einen kleinen Perspektivwechsel – vom „Du musst“ zum „Lass uns spielen“ – um alles zu verändern.

Möchtest Du individuelle Unterstützung?

Jede Familie ist anders, jedes Kind ist einzigartig. Was bei uns funktioniert, passt vielleicht nicht zu Eurer Situation – aber genau dafür gibt es Coaching. Im Rahmen eines Coachings bei ADDventure entwickeln wir gemeinsam spielerische Interventionen, die genau auf Deine Familie zugeschnitten sind. Ob Morgenroutine, Hausaufgaben oder Geschwisterkonflikte: Wir finden die Strategien, die bei Euch funktionieren.

Ich freue mich darauf, Euch auf Eurem Weg zu begleiten.

Wissenschaftliche Quellen

Barkley, R. A. (2020). 12 Principles for Raising a Child with ADHS. New York: Guilford Press.

Barkley, R. A. (2022). Treating ADHD in Children and Adolescents. New York: Guilford Press.

McGonigal, J. (2015). SuperBetter: A Revolutionary Approach to Getting Stronger, Happier, Braver and More Resilient.New York: Penguin Press.

McGonigal, J. (2011). Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World. New York: Penguin Press.

Hallowell, E. M. & Ratey, J. J. (2021). ADHD 2.0: New Science and Essential Strategies for Thriving with Distraction.New York: Ballantine Books.

Roepke, A. M. et al. (2015). Randomized Controlled Trial of SuperBetter, a Smartphone-Based/Internet-Based Self-Help Tool to Reduce Depressive Symptoms. Games for Health Journal, 4(3), 235-246.

Bavelier, D. et al. (2012). Brain Plasticity Through the Life Span: Learning to Learn and Action Video Games. Annual Review of Neuroscience, 35, 391-416.

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